Stealthing: Wenn das Kondom verschwindet
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Stealthing: Wenn das Kondom verschwindet

Stealthing: Wenn das Kondom verschwindet

Stealthing: Wenn das Kondom verschwindet

Was es mit dem sexuellen Übergriff auf sich hat

Seit ein paar Jahren schwappt ein Begriff aus den USA zu uns nach Deutschland über, der Empörung und Sorge auslöst. Die Rede ist vom „Stealthing“, einer sexuellen Handlung, bei der Männer während des Geschlechtsverkehrs heimlich das Kondom abziehen und ungefragt ohne Schutz in den Partner oder die Partnerin eindringen. Wir erklären dir, was es mit dem Stealthing auf sich hat, wie du dich davor schützen kannst und was zu tun ist, wenn du zum Stealthing-Opfer wirst.

Was ist Stealthing?  

Die Bezeichnung leitet sich aus dem Englischen ab, wo „stealth“ so viel wie „List“ oder „Heimlichtuerei“ bedeutet. Die Täter sind immer männlich, die Opfer können – je nach sexueller Orientierung – Frauen und Männer sein. In den meisten Fällen beginnt der Sex einvernehmlich mit der Verwendung eines Kondoms, welches der Mann bei einem Stellungswechsel abstreift. Oft bemerkt die andere Person das fehlende Kondom erst, wenn es zu spät ist und werden dann mit der Erkenntnis konfrontiert, dass sie hintergangen worden ist.

Was die Männer zu ihrer Tat bewegt, lässt sich nur vermuten. Oft sind es das Gefühl von Macht und Überlegenheit oder auch Frauenfeindlichkeit, die sie dazu antreiben. Das kann man aus den vielen Äußerungen schließen, die sich in speziellen Online-Foren sammeln. Dort tauschen sich Täter über ihre Handlungen aus und rühmen sich mit ihren Taten.   

Was macht Stealthing so gefährlich?

Ob und wie beim Sex verhütet werden soll, entscheiden beide Partner/innen für sich und treffen eine einvernehmliche Absprache. Safer Sex mit Kondom ist dabei die einzige Möglichkeit, um sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV oder Chlamydien schützen zu können. Außerdem stellt das Kondom – richtig angewendet – einen sicheren Verhütungsschutz dar, sollte die Frau nicht hormonell verhüten und eine ungewünschte Schwangerschaft verhindern wollen. Wird das Kondom ohne Absprache abgezogen, gefährdet der Täter das Opfer, sich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit anzustecken oder schwanger zu werden – und das ohne seinen Willen.

Doch es sind nicht nur gesundheitliche und körperliche Folgen, die Stealthing mit sich bringt. Beim Opfer können darüber hinaus seelische und psychische Schäden entstehen. Schließlich wurde ihnen die sexuelle Selbstbestimmung genommen und ihre Entscheidung einfach übergangen. Sie fühlen sich ausgenutzt, hilflos und verraten. Gleichzeitig machen sie sich selbst Vorwürfe, dass sie den Vorfall nicht bemerkt haben. Die Angst, dass ihnen sowieso niemand glaubt, lässt viele schweigen und den Vorfall verdrängen. Diese Verdrängung kann wiederum tiefsitzende psychologische Spuren hinterlassen.

Kann Stealthing bestraft werden?

Das heimliche Abziehen von Kondomen ist kein Einzelfall, sondern wiederfährt weltweit immer wieder vielen Frauen und Männern. Allerdings trauen sich die Stealthing-Opfer erst nach und nach, über ihr Erlebnis zu sprechen. Viele von ihnen realisieren auch gar nicht, dass sich sexuell an ihnen vergangen wurde. Die Scham und der Schock hintern die meisten von ihnen daran, gegen den Täter vorzugehen und sich gegen das Stealthing zu wehren.

Auch wenn es in anderen Ländern wie z.B. der Schweiz bereits vereinzelte Urteile gab und auf der Hand liegt, dass Stealthing moralisch verwerflich ist – aktuell gibt es in Deutschland keine eindeutige Rechtsprechung zu dem Thema. Das liegt auch daran, dass es bisher kaum Fälle von Stealthing vor Gericht geschafft hat. Deshalb ist es wichtig, dass Stealthing-Opfer den Weg zur Polizei wagen und die Täter anzeigen.

Wie kann man sich vor Stealthing schützen?

Es ist ganz normal, dass man im Eifer des Gefechts nicht immer erspüren kann, ob ein Kondom über den Penis gestülpt ist, oder nicht. Vor allem wenn man aufgeregt ist, oder man vorher Alkohol getrunken hat, ist man vielleicht nicht mehr allzu vorsichtig. Das gibt jedoch niemandem das Recht, ungefragt auf ein Kondom zu verzichten! Deshalb solltest du bei Partnern, die du vielleicht noch nicht so gut kennst, besonders aufmerksam sein. Achte auch nach einem Stellungswechsel darauf, dass das Kondom noch übergezogen ist. Wirf‘ einfach einen kurzen Blick auf den Penis und fühle zur Sicherheit mit deiner Hand nach, wenn du nicht sehen kannst.  Solltest du merken, dass der Mann versucht, deine Blicke abzuwenden, bestehe darauf, die Lage zu prüfen. Denke daran: Dein eigenes Wohl und deine Gesundheit gehen immer vor und du bist nicht dazu verpflichtet, dich deinem Sexpartner unter zu werfen. Sobald dir etwas komisch vorkommt oder du bemerkst, wie er versucht das Kondom loszuwerden, entferne dich aus der Situation. Du hast jederzeit das Recht, zu gehen.

Was tun, wenn man Opfer von Stealthing wurde?

Auch wenn du über die Situation erschüttern bist und dich vielleicht schämst, solltest du unbedingt jemandem davon erzählen. Wende dich an deine Eltern, deine beste Freundin oder eine andere Person, der du vertraust. Oft hilft es, sich mitzuteilen und sich Unterstützung zu suchen, um die weiteren Schritte gemeinsam zu gehen.

Anzeige bei der Polizei: Wie wir dir bereits erklärt haben, musst du dich für das, was dir wiederfahren ist, nicht schämen oder rechtfertigen. Dir wurde Unrecht angetan und du darfst dich dagegen wehren. Du kannst dich für deine Anzeige an die Polizei wenden, die dich dabei unterstützt, gegen den Täter vorzugehen.

Ärztliche Untersuchung: Um auszuschließen, dass das Stealthing gesundheitliche Folgen für dich hat, solltest du zeitnah einen Besuch bei deinem Frauenarzt oder deiner Frauenärztin ausmachen. In der Praxis kannst du auf eine mögliche Schwangerschaft und sexuell übertragbare Krankheiten untersucht werden.

Gespräch mit Psychologen: Stealthing belastet jeden Menschen unterschiedlich stark. Wenn du merkst, dass du das Erlebte nicht gut bewältigen kannst, z.B. schlecht träumst oder Ängste entwickelst, die vorher nicht da waren, kann ein Termin beim Psychologen bzw. bei der Psychologin sinnvoll sein. Hier erhältst du Unterstützung, um die Situation zu verarbeiten.

Du weißt nicht, mit wem du über dein Erlebnis reden sollst?

Dann kannst du dich an diese bundesweiten, kostenfreien und anonymen Beratungs- und Hilfsstellen wenden:

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800-22 55 530
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 0800-116 016

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